Hitzerekorde und kein Ende?
Der Sommer ist heiß – heißer als gedacht. Deutschland und Europa erwärmen sich nach einer Studie der World Weather Attribution schneller als andere Regionen der Welt. Können wir das noch stoppen? Isabel Rutkowski, Bundesvorsitzende der Katholischen Landjugendbewegung, macht sich Sorgen. Und hat darüber mit dem Kanzler geredet.
Auf dem Katholikentag in Würzburg habe ich Friedrich Merz gefragt, warum die Bundesregierung Klimaschutz so defensiv betreibt, wenn ihr Wohlstand und Sicherheit doch so wichtig sind. Wichtig genug, um erkennen zu können: Ohne Klimaschutz wird der Wohlstand schwinden und die Sicherheit nicht mehr garantiert sein. Ganz zu schweigen von unseren Körpern, für die Klimaschutz Überleben bedeutet. Seine Antwort: Deutschland halte seine Klimaziele ein. Wenige Tage später erklärte der Expertenrat für Klimafragen das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung für unzureichend. Deutschland werde seine Klimaziele verfehlen.
Tun wir wirklich genug?
Ich sehe hier ein grundlegendes Problem unserer aktuellen Klimadebatte: Wir reden über Klimaschutz inzwischen oft so, als wäre er ein Zusatzprojekt. Etwas, das man verfolgt, solange Wirtschaft, Sicherheit oder soziale Stabilität nicht gefährdet werden. Dabei müsste die Diskussion eigentlich genau andersherum geführt werden.
Denn die Klimakrise ist längst keine isolierte Frage mehr. Sie entscheidet darüber, wie sicher Gesellschaften bleiben, wie stabil Demokratien sind und wie unabhängig Volkswirtschaften künftig handeln können.
Auf dem Katholikentag war das gut zu beobachten. Die Hallen waren voll bei Themen wie Sicherheitspolitik, Wehrpflicht oder wirtschaftlicher Zukunft. Die Klimafrage lief häufig nur neben her und spielte eine kleine Rolle.
Klimapolitik muss zur Leitfrage werden
Konflikte um Ressourcen nehmen weltweit zu. Abhängigkeiten von fossilen Energien destabilisieren Wirtschaftsräume. Extremwetterereignisse zerstören Lebensgrundlagen und verschärfen soziale Ungleichheiten. Eigentlich reden wir also die ganze Zeit über Folgen der Klimakrise, nur oft, ohne sie noch so zu benennen.
Mich irritiert weniger, dass über andere Krisen gesprochen wird. Mich irritiert, dass die Klimakrise politisch behandelt wird, als könne man sie ausblenden.
Politische Debatten wirken inzwischen vor allem für junge Menschen wie verspätete Reaktionen auf Probleme, die seit Jahren bekannt sind. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen längst auf dem Tisch. Trotzdem wird Klimapolitik noch immer vor allem danach bewertet, wie groß möglicher Verzicht ist, statt danach, ob sie tatsächlich ausreicht. Dabei entscheidet sich genau hier die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Klimapolitik muss zur Leitfrage werden.
Besonders im ländlichen Raum zeigt sich, wie widersprüchlich die Debatte oft geführt wird. Dort sind die Folgen der Klimakrise längst konkret spürbar. Gleichzeitig entstehen dort viele Lösungen, von erneuerbaren Energien bis zu regionalen Wirtschaftskreisläufen. Trotzdem erleben viele Menschen auf dem Land Klimapolitik vor allem als moralische Debatte von Stadt versus Land. Wer fordert, man solle einfach auf den ÖPNV umsteigen, der war noch nie in ländlichen Räumen unterwegs.
Vielleicht fehlt uns aktuell vor allem politische Ehrlichkeit. Die Ehrlichkeit anzuerkennen, dass Klimapolitik nicht im Gegensatz zu Wohlstand und Sicherheit steht, sondern deren Voraussetzung ist.
Für mich ist das auch eine christliche Frage. Wer von Bewahrung der Schöpfung spricht, darf die ökologische Krise nicht zur Nebensache erklären. Wer von „Dein Reich komme“ spricht, spricht über ein Leben in Fülle und Würde. Und wer Nächstenliebe ernst nimmt, kann die Klimafrage nicht zur Nebensache erklären.
Ich frage mich: Was wäre, wenn wir mutig sind? So wie es das Leitwort dieses Katholikentags von uns will, mit seinem „Hab Mut, steh auf!“. Vielleicht braucht es genau diesen Mut wieder. Den Mut, (politische) Verantwortung nicht weiter aufzuschieben. Den Mut, ehrlich über die Klimakrise zu sprechen.
Eckart von Hirschhausen hat mal zu mir gesagt: „Wir können ehrenamtlich keine Welt retten, die hauptberuflich von Menschen zerstört wird.“ Wahrscheinlich stimmt das. Aber vielleicht ändert sich etwas, wenn wir endlich den Mut haben, gemeinsam anzufangen - und zu handeln.
Isabel Rutkowski, geboren 1999, aufgewachsen in Hausach/Kinzigtal, ist Bundesvorsitzende der Katholischen Landjugendbewegung Deutschlands (KLJB). Die Geschäftsstelle hat ihren Sitz in Bad Honnef-Rhöndorf. Als einer der größten katholischen Jugendverbände vertritt die KLJB bundesweit rund 70.000 Mitglieder, die sich für Ökologie, internationale Solidarität und die Gestaltung ländlicher Räume engagieren. Rutkowski studierte Erziehungswissenschaften in Freiburg (B.A) und Management sozialer Dienstleistungen in Vechta (M.A.). Bei fünf Weltklimakonferenzen war sie dabei, zuletzt war sie „Observer“ bei der COP 30 in Belém. Isabel Rutkowski ist auch im Sprecherinnenrat der Klima-Allianz Deutschland.
